Gläserner Mensch

Elena: 90 – 60 - 90

Mögen Sie russisch? Wie steht es mit russisch anmutenden Namen? Zum Beispiel „Elena“!

Vor dem inneren Auge erwächst womöglich eine spontane langbeinige Fantasie.

Aber „Elena“ ist nicht länger das Bild eines östlichen Flaschengeistmärchens. Es gibt sie wirklich. Sie ist in Deutschland heute nicht mehr als die profan ernüchternde Abkürzung für „elektronischer Entgeldausweis“. Es dokumentiert einen weiteren Schritt auf dem Wege zur totalen Überwachung und kaum jemand hat es vermerkt. Wie auch? Das Heutejournal des ZDF brachte die Meldung ohne weiteren Kommentar lapidar in der Halbzeitpause des EM-Spiels „Deutschland - Türkei“.

Und mal ehrlich! An diesem Abend gab es wahrlich Grund, sich über andere Dinge aufzuregen als über einen weiteren Chipkartenvermerk, der die Aktivitäten von Lidl, Telekom und Deutsche Bahn AG wie Sandkastenspiele aussehen läßt. Denn diese neue Vermerkmöglichkeit auf allen schon vorhandenen Datenträgern (ec-, Krankenkassenkarte, neuer Personalausweis) macht den gläsernen Staatsbürger zur beängstigenden Realität. „Elena“ verbindet lediglich schon existierende Informationen miteinander. Und nun wird auch der letzte, der noch kürzlich meinte, dass er nichts zu verbergen habe, allmählich innehalten und ins Grübeln kommen. Denn es gilt nicht länger, die persönliche Ehrenhaftigkeit und Integrität zu demonstrieren. Die Gefahr liegt vielmehr in der beliebigen Abrufbarkeit der nun miteinander vernetzten Informationen über den einzelnen Menschen.

Ich stelle mir das fiktive Gespräch zwischen einem Kunden und seinem Finanzberater einer Bank vor. Ab dem Zeitpunkt, da dieser die Karte in sein Lesegerät einführt, weiß er nicht nur über Kontobewegungen und Depoteinlagen Bescheid, sondern z.B. auch über den Krankenstand der letzten Jahre; er entwirft eine Wahrscheinlichkeitsrechnung darüber, ob der Kunde gesundheitlich überhaupt in der Lage sein wird, die beantragte Hypothek langfristig zu bedienen. Und dann: zweimal geschieden, Alimente, Ehefrauen, die unterhalten werden müssen: Es tut uns leid – es liegt keine Bonität vor. Auf Wiedersehen.“

Das Bundesverfassungsgericht hat mehrfach entschieden, dass eine Vorratsdatenspeicherung ein unbefugtes Eindringen des Staates in die Intimssphäre des Bürgers darstellt.

Die Sicherheitsparanoia und die Sammelleidenschaft der Dienste aller Art bekümmert dies aber wenig. Denn siehe: Auch Verfassungsrichter haben demnächst Vernetungsmerkmale auf ihren Karten und könnten in die Lage geraten, Hypotheken aufnehmen zu wollen. Und wenn es dann heißt: „ … hat gegen Elena votiert“ könnten auch hier die Herrn Kaisers antworten: „Es tut uns leid – es liegt keine Bonität vor. Auf Wiedersehen.“ Ach ja, wie schön waren die Zeiten, als sich hinter „Elena“ langbeinige Russinnen verbargen.