Abstimmung in Irland

Mal wieder die Iren …

 
Es könnte alles so schön sein, denn die Voraussetzungen sind und waren bestens: Golfstrombeheiztes atlantisches Klima, kein Wassermangel, saftige grüne Wiesen, grasende Kühe, eine florierende Milchwirtschaft, eine starke romtreue katholische Kirche, erdverwurzelte, bescheidene Menschen.
Aber es kam anders – Schluß mit der Bescheidenheit: die ständige Bedrohung durch die größere Nachbarinsel, mit einer „ungläubigen“ anglikanischen Kirche, ein Kingdom, das seine Hand seit Jahrhunderten nach dem Norden der grünen Insel ausgestreckt hat, ständiger Bürgerkrieg um Belfast, Hungersnöte, millionenstarke Auswanderungswellen im 19. Jahrhundert, stets führte man ein politisches und wirtschaftliches Schattendasein im Hinterhof der Engländer. 
Diese historischen Befindlichkeiten sind in ganz Europa bekannt. Und da kommt es schon einem russischen Roulette gleich, das Volk auf der grünen Insel per „one man - one vote“ über den Vertrag von Lissabon abstimmen zu lassen. Da muß doch jedem klar sein, dass sich Irland die Chance ergreift, sich neben den überkommenen Komplexen nun als Sprachrohr aller  „Kleinen“ zu verstehen, die sich im Zuge der europäischen Vereinigung durch eine franko-deutsche Dominanz übervorteilt fühlen. Andererseits sollte erst die allgemeine Zustimmung zum Lissabonabkommen die Voraussetzung für die Aufnahme weiterer kleiner „mittelloser“ Länder in den Bund sein.
Hat man es außer Acht gelassen, oder ist das irische „Nein“ sogar Bestandteil des politischen Kalküls? Ist die europäische Integration nach der weltpolitischen Wende (Zusammenbruch der UdSSR, Erstarken der neuen Mächte Russland, China, Indien) überhaupt noch zeitgemäß? Sind durch das Entstehen der neuen Gravitationszentren nicht neue flexible Zusammenschlüsse angesagt? Ist angesichts der Globalisierungsrisiken die Schwächung bzw. Abschaffung des Nationenbegriffs überhaupt noch denkbar?
 
Das irische Votum zwingt zum grundsätzlichen Nachdenken abseits der Euphorie und der Angst vor einer wie auch immer gearteten deutschen Dominanz. In diesem Zusammenhang ist die Verleihung der Marburger Ehrendoktorwürde an Helmut Schmidt zu bedenken, der im Geiste Kants dafür einsteht: Das Gelingen politischen Handels hat nichts mit Ideologien und Gesinnungen zu tun!
Was aber tun, wenn dies bisher der einzige Motor der europäischen Integration war. Da hilft auch keine am irischen Wählerverhalten verzweifelnde Anmoderation von Mr. Heute-Journal Klaus Kleber: „Heute hat der Schwanz mit dem Hund gewackelt.“